auf einen Kaffee mit

Kaffeehausgespräche – mit Rainhard Fendrich

Hallo Rainhard, recht lange war es ja nicht wirklich ruhig um dich. Dein letztes Album „Schwarzoderweiss“ ist noch nicht mal drei Jahre her, zwischendrin warst du gefühlt das ganze Jahr auf Tour und nun veröffentlichst du die nächste CD. Ist Ruhe oder Stillstand nichts für dich?
Zunächst mal bedeutet Ruhe ja nicht zwangsläufig Stillstand. Selbst wenn ich in einem Kaffee sitze, eine Zeitung aufschlage, oder überhaupt privat unterwegs bin, da stehen ja die Gedanken nicht still. Zum Glück entdecke ich in ruhigen Phasen überall Themen und erlebe Situationen, über die es sich lohnt, Lieder zu schreiben.

Was können wir von der neuen CD „Starkregen“ erwarten?
Der Titel „Starkregen“ fasst das eigentlich ganz gut zusammen.
Starkregen ist ja ein Wetter-Phänomen. In Zeiten des Klimawandels, erleben wir immer häufiger Hitze im Wechsel mit Starkregen. Ich habe den Eindruck, dass auch im Zwischenmenschlichen ein Klimawandel spürbar ist. Ich beobachte die Stereotype, Klischees, Tatsachen und halte sie in meinen Liedern fest. Starkregen ist meine aktuelle Sicht auf unsere Gegenwart, die ohne Humor in vielerlei Hinsicht ziemlich unerträglich wäre. 

Ich selbst musste laut lachen, als ich versucht habe einen Flug zu buchen, und dann übersetzt das ach so schlaue Übersetzungsprogramm meinen Vornamen: aus Rainhard wurde „Starkregen“. Im Grunde müsste ich jetzt der Fluggesellschaft für die Idee zum Albumtitel danken – aber da würde ich wahrscheinlich erstmal drei Stunden in einer Warteschleife verbringen, bevor ich einen Menschen in einem Callcenter erwische, der mir auch nicht weiterhelfen kann.

Die erste Singleauskopplung heißt „Burn Out“, müssen wir uns Sorgen um dich machen, quasi so eine Art Hilfeschrei?
Ganz im Gegenteil. Mir geht es gut, aber tatsächlich lese ich, dass mittlerweile fast jeder zweite Mensch unter stressbedingten Erkrankungen leidet. Das ist doch Wahnsinn! Burn Out ist die Aufforderung, sich die Auszeiten zu nehmen, die jeder Mensch braucht. Chillen aus freiem Willen und ohne schlechtes Gewissen. Bei jedem technischen Gerät erscheint es uns vollkommen logisch, dass ab und zu eine Wartung oder ein Softwareupdate notwendig sind – manchmal auch ein Neustart, weil das System abgeschmiert ist. Komischerweise wollen wir uns selbst immer keinen Neustart gönnen. Das finde ich fatal.

Viele deutschsprachigen Sänger in deinem Alter bringen nur noch „Best of CDs“ kurz vor Weihnachten auf den Markt. Bei dir haben wir eher den Eindruck, dass du im Alter immer aktiver wirst. Liegen wir da richtig?
Ich kann nicht behaupten, dass ich aktiver als früher bin. Es gab Zeiten, da habe ich parallel gesungen, geschauspielert und moderiert – heute konzentriere ich mich auf das, was mir am wichtigsten ist. Und das ist halt die Musik.

Die Bühne ist ja auch dein Zuhause, was ist dir lieber, live mit Band oder Akustisch? Wir waren von beidem begeistert.
Das hat beides seinen Reiz und seine ganz eigene Atmosphäre. Für mich ist entscheidend, dass ich gerne live spiele und dass man mir nach fast 40 Jahren hoffentlich auch noch anmerkt, dass das so ist.

Ist es ab und zu nicht nervig wenn die Fans immer wieder nur die „alten“ Songs hören wollen?
Natürlich wollen meine Fans die Songs hören, mit denen sie persönliche Momente oder eine ganz bestimmte Phase in ihrem Leben verbinden. Für mich ist das nicht tragisch, sondern logisch. Abgesehen davon, durfte ich auf der letzten Tour erst wieder erleben, dass die Leute auch bei Schwarzoderweiss-Titeln den Text drauf hatten und z.B. zu „Wenn Du was willst“ gefeiert haben. Dabei war „Wenn Du was willst“ nicht mal keine Singleauskopplung.

Phil Collins betrat bei seiner aktuellen Tour die Bühne mit Gehstock – kannst du dir das später auch für dich vorstellen oder sagst du irgendwann muss mal Schluss sein mit Live-Konzerten.
(Lacht) Ich habe ja den Anspruch, den Menschen Unterhaltung mit Haltung zu bieten. – Bevor ich nach einem Konzert sofort ins Sauerstoffzelt gepackt werden muss, ist definitiv Schluss.

Woher nimmst du deine Power und deine Ideen?
Meine beiden Hunde zwingen mich dazu, jeden Tag mit einem Spaziergang zu beginnen und mich zu bewegen. Zum Glück, denn meine beiden Lieblingssportarten Bogenschießen und Segeln und sind für mich mehr was für den Kopf, als zur Kalorienverbrennung gedacht. Die Ideen kommen mir in den unterschiedlichsten Situationen – im Stau, beim Zeitunglesen oder einfach nach einem Gespräch mit Freunden und Bekannten. Ich höre, beobachte und schreibe.

Dein Song Brüder ist ja heute aktueller denn je. Was kann man deiner Meinung nach machen dass es wieder etwas mehr brüderlicher wird?
Ich denke, es ist gerade in der heutigen Zeit wichtiger denn je, den eigenen Verstand und das eigene Gewissen nicht verkümmern zu lassen. Brüderlichkeit braucht Verstand und Gewissen. Wer meint, sich auf der Grundlage von Vorurteilen ein Urteil bilden zu müssen, ist im Grunde nicht urteilsfähig. Die „Hinterm Tellerrand“ leben, statt über den Tellerrand hinauszuschauen, sind in der Masse ein größeres Hindernis für die Brüderlichkeit, als einzelne Schreihälse.

Privat: Frühaufsteher oder Morgenmuffel?
Ich bin Frühaufsteher. Ich wohne sehr nah an der Natur. Bei Tagesanbruch allein durch den Wald und über Wiesen zu gehen schenkt mir Ruhe und Energie für den Tag.

Kaffee oder Tee? Wie sieht die erste Stunde deines Tages aus?
Unbedingt Kaffee – und dann geht es raus mit den Hunden.

Welche Musik hörst du wenn du unterwegs bist?
Tatsächlich höre ich unterwegs ganz klassisch Radio. Das ist manchmal ungünstig, da ich mir nicht immer sofort den Titel und den Interpreten merke, wenn ich einen Song gut finde.

Hast du einen Lieblingsplatz?
Da ich ein „Wanderer“ bin ändern sich meine Lieblingsplätze ständig.

Ist Social Media für dich eher Fluch oder Segen?
Sowohl als auch. Ich finde es gut, dass wir heute auch dank sozialer Netzwerke schneller an Informationen gelangen als je zuvor. Dank Social Media ist unsere Welt nicht größer, sondern kleiner geworden – baut einer Mist, dann weiß es gleich das ganze Dorf. Gleichzeitig macht Social Media die Welt beschränkter – wir laufen Gefahr, in der Flut von nutzlosen Informationen den Blick fürs Wesentliche zu verlieren, verfestigen (Vor-)Urteile, weil uns Algorithmen nur Inhalte präsentieren, die dem ähneln, was wir zuvor angeklickt haben und wer das Smartphone gar nicht mehr aus der Hand legt, kann leicht zum „Social Media Zombie“ werden. Dieser letzteren Spezies ist auf „Starkregen“ auch ein Song gewidmet.

Auf was bist du besonders stolz?
Darauf, dass meine Band und ich mit der letzten Tour und dem Livealbum „Für Immer A Wiener“ einen kleinen Beitrag dazu leisten konnten, dass Kindern, die in Österreich und Deutschland in Armut leben, geholfen wird.

Gibt es etwas was du dir in letzter Zeit gegönnt hast?
„Starkregen“ hätte eigentlich schon im letzten Jahr erscheinen können. Ich habe mir eine Pause von der Arbeit am Studioalbum „gegönnt“, um mich 2018 ausschließlich dem Thema Kinderarmut zu widmen.

Für welche drei Dinge in deinem Leben bist du dankbar?
Gesundheit, Liebe und Musik.

Was siehst du, wenn du in den Spiegel siehst? Oder beschreibe dich mit drei Worten.
Rainhard Jürgen Fendrich

Wie entspannst du?
Bei langen Spaziergängen, bei Gartenarbeit und beim Putzen meines Motorrades.

Was schiebst du immer wieder gerne auf?
Alles, was ich muss und nicht aus freien Stücken tun kann.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?
2020 gehen meine Band und ich mit „Starkregen“ auf Tour“. Darauf freuen wir uns schon wieder. Vor allem bin ich gespannt, ob die neuen Titel genau so gut angenommen werden, wie die bekannten Songs.

Welche Frage wird dir selten oder nie gestellt, die du aber gerne mal beantworten möchtest?
Diese Frage kann ich leider nicht beantworten

Vielen Dank für das Interview

Mehr über Rainhard Fendrich

Photocredit: Marcel Brell

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