Musical statt Partitur
Nicht Oper, sondern Musical: Benedikt Solle hat sich bewusst für seinen eigenen Weg entschieden. Im Interview erzählt er von seinem Start ins Berufsleben, großen Chancen, echtem Lampenfieber und den Momenten, die ihn bis heute auf der Bühne antreiben.

Hallo Benedikt! Stell dich doch bitte kurz vor!
Hallo, ich bin der Benedikt. Ich bin 27 Jahre alt und komme aus Deutschland, aus der Gegend von Ulm. Aber eigentlich bin ich Doppelstaatsbürger: halb Österreicher und halb Deutscher. Meine Mama ist Österreicherin.
Du arbeitest jetzt zwar als Musical-Darsteller, aufgewachsen bist du aber in einem klassischen Umfeld?
Ja, genau! Meine Eltern sind eigentlich beide – mittlerweile ehemalige – klassische Musiker. Mein Vater war Geiger und ist jetzt klassischer Tenor, meine Mutter war Oboistin und ist mittlerweile in Pension. Und mein Bruder ist übrigens Dirigent. Ich bin also schon der Ausreißer der Familie …
Wurde das von deiner Familie so akzeptiert, dass du in eine andere Richtung gegangen bist?
Ja, auf alle Fälle. Meine Mutter sagte zwar: „Ich kenne mich überhaupt nicht aus, aber es interessiert dich, also beschäftige ich mich jetzt auch bewusst damit, damit ich weiß, was du machst.“ Meine Eltern haben mich auch schon hier in der Arbeit besucht, und gerade meine Mutter ist dann auch immer sehr berührt.Â

Was sagt die Mama zu so etwas wie Laxenburg, wo es in „Maria Theresia“ doch auch mal etwas wilder zugeht?
DAS hat sie gar nicht kommentiert. (lacht)
Wie bist du trotz deines Umfeldes auf die Idee gekommen, etwas Moderneres zu machen?
Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Cello zu spielen, und wollte das eigentlich auch mal studieren. Aber mit 16 habe ich dann gemerkt, dass es mir nicht mehr so viel Spaß macht, und ich hatte keine Motivation mehr zu üben.
Nach dem Abi wusste ich erst nicht so recht, was ich machen sollte, denn ich hatte zwar vorher mit meinem Vater klassisch gesungen, wollte aber auch nicht an die Oper gehen. Ich habe dann ein Praktikum in einem Kindertheater in Frankfurt gemacht. Dort haben sie auch immer wieder mal Musicals aufgeführt, und so bin ich auf den Geschmack gekommen und bin dabei hängen geblieben. Damals war ich 19.

Was findest du am coolsten an dem Musical-Job?
Ich mag es einfach, dass hier die drei Ebenen Schauspiel, Gesang und Tanz ineinandergreifen und eine Einheit bilden. Immer wieder zu erleben, was daraus entstehen kann ist für mich gleichermaßen beeindruckend und spannend.Â
Du warst ja an der MUK in Wien. Wie kann man sich so eine Ausbildung vorstellen? Wie hast du diese Zeit erlebt?
Das ist fast ein bisschen schwer zu sagen, weil ich voll in den Corona-Jahrgang reingerutscht bin. Wir hatten erst ein halbes Jahr Studium, und dann kam Covid, und es gab dann fürs Erste nur Online-Unterricht. Es war sehr lustig, wenn man mit dem Laptop im Wohnzimmer oder in der Küche Ballett gemacht hat und dafür eigentlich zu wenig Platz hatte. (lacht)
Grundsätzlich verbringt man aber, gerade am Anfang, sehr, sehr viel Zeit an der Uni, weil man sehr viel theoretischen Unterricht hat, wie Musicalgeschichte, Gehörbildung usw., und sich andererseits zwischen den Unterrichtsfächern viel vorbereiten muss. Mit der Zeit wird es dann aber immer weniger, weil man dann mehr und mehr Produktionen macht. Für mich war’s dann letztendlich ein relativ sanfter Übergang ins Berufsleben, weil ich schon vorher viele Auftritte hatte.
Hattest du einen Plan B, wenn es nicht mit der Musicalkarriere geklappt hätte?
NÖ! (lacht)

„Rock Me Amadeus“ ©Patricia Gaida
Nach deinem Studium kam dann direkt danach „Rock Me Amadeus“ – in einem großen Theater, mit einer riesigen Coverrolle … War das nicht eine wirklich große Herausforderung?
Oh ja! Ich habe mir da auch selbst irrsinnig viel Druck gemacht. Was für mich mit am schwierigsten war, war der Dialekt. Falco ist ja ein Nationalheld, und wenn man ihm sprachlich nicht gerecht wird, kommt das dann so gar nicht gut.
Deshalb stand auch im Programmheft nie, dass ich in Deutschland geboren bin. Ich habe dann auch einige Zeit gebraucht, bis ich wirklich in diese Rolle hineinwachsen konnte. Gerade wenn man das Cover nur alle paar Wochen mal spielt und noch nicht regelmäßige Routine hat, ist das anfangs schon mit sehr viel Stress verbunden. Das wurde dann aber schnell immer besser, und gerade im zweiten Jahr konnte ich dann auch richtig genießen, Falco zu sein.
Was kanntest du vorher von Falco?
Ich hatte im Jahr davor tatsächlich in Dauerschleife „Out Of The Dark“ gehört und hatte eine wirkliche Falco-Phase – nicht wissend, dass ich ihn später selbst spielen würde.
Das war echt ein Zufall …
Wie ging es dir, als du das erste Mal als Falco auf der Bühne gestanden bist?
Das passierte sehr unvorbereitet!
Ich bin damals vor meiner geplanten Premiere leider krank geworden.
Als ich nach zwei Wochen Krankenstand gerade mal einen Tag wieder im Ensemble auf der Bühne gestanden war, rief mich an einem Freitagnachmittag unser Abendspielleiter an und fragte mich: „Willst du heute Abend Premiere machen?“ Natürlich sagte ich „JA!“, aber gleichzeitig war ich extrem aufgeregt und nervös.
Alex Melcher, der ja das Alter Ego gespielt hat, hat das gespürt und hat es im Zusammenspiel irgendwie geschafft, seine Rolle so anzulegen, dass er mich auf irgendeine Art und Weise damit unterstützen konnte. Natürlich ohne aus seinem Bühnencharakter auszubrechen, aber trotzdem hat er mir damit wirklich geholfen und mir so eine Sicherheit gegeben. Das war wirklich schön!

Was hat dir an RMA am besten gefallen?
Ich fand es cool, dass es zwischenzeitlich eine richtige Konzertatmosphäre gab, aber gleichzeitig diese Geschichte so emotional erzählt wurde. Ich fand es auch richtig gut, dass es am Schluss nicht, so wie oft, ein Medley gab, sondern dass er offen und hoffnungsvoll gehalten wurde und die Besucher dann auch mit diesem Gefühl nach Hause gegangen sind. Als sich das bei den Proben so gefestigt hatte, habe ich mich wirklich gefreut.


Kaum wiederzuerkennen: Benedikt in MT im Ensemble und als Friedrich von Preußen ©Nicole Benes / © Jev Davis
Jetzt bist du bei „Maria Theresia“ und spielst neben deiner Position im Ensemble auch die Rolle des Friedrichs als Cover. Wie hast du deinen Friedrich angelegt?
Ich versuche schon, an solche Rollen emotional ranzugehen, aber man muss immer die Balance finden, wie viel man geben kann, ohne dass man Probleme bekommt, das dann auch durchzuhalten. Dieser Charakter erlaubt einem so viel, und ich genieße es einfach, auf der Bühne jemand zu sein, der man privat so gar nicht ist.

© Jev Davis
Friedrich von Preußen soll ja nach Ansicht der meisten modernen Historiker homosexuell gewesen sein. Auch in „Maria Theresia“ kommt es im Stück zu einer Kuss-Szene mit einem Mann. Oft kommt es im Publikum an dieser Stelle zu Unruhen, Gelächter und auch sonderbaren Ausrufen wie „Igitt“ oder Ähnlichem …
Ich versuche, davon wegzukommen, dass es mich in dem Moment aufregt, aber es zeigt halt, dass so etwas offensichtlich noch nicht in der Gesellschaft als normal angesehen wird.
Gleichzeitig frage ich mich auch manchmal: Was ist daran schlimmer als „Laxenburg“? Aber ich denke, es liegt wahrscheinlich an der Emotionalität dahinter und daran, dass es wirklich Liebe ist.
Es ist jedenfalls überraschend, dass manche so auf diese Szene reagieren. Vor allen Dingen bei Erwachsenen wundert mich das dann doch sehr, dass so etwas oft so eine lautstarke Reaktion auslöst, und ich denke gleichzeitig, dass man da eigentlich schon etwas Kontrolle über sein Verhalten haben sollte.
Ich habe darüber auch lange mit Fritz, unserem Abendspielleiter, gesprochen, weil mich das oft wirklich aufwühlt, und sehe es auch als unseren Bildungsauftrag, so etwas in unserer Gesellschaft zu normalisieren. Es ist ja nichts dabei!
Letztendlich motiviert es mich jedenfalls diese Szene noch intensiver zu spielen. Und gerade wenn mich das Verhalten von so manchem im Publikum „nervt“, versuche ich, dieses Gefühl direkt auf der Bühne gleich in den nötigen Selbsthass umzuwandeln und dann diese Emotionen in die folgenden Szenen im Stück mit reinzulegen.

Hast du eine Traumrolle oder ein Traumstück, in dem du gerne mal spielen möchtest?
Im deutschsprachigen Raum wäre sicherlich „Rudolf“ toll, das ja jetzt in Füssen Premiere hat. Kronprinz Rudolf wäre definitiv eine Traumrolle, das Stück ist emotional und musikalisch so schön geschrieben – da wäre ich gerne mal mit dabei! International finde ich „Hadestown“ musikalisch total genial! Ich habe das Stück zweimal in New York gesehen und würde mich sehr freuen, wenn es auch mal nach Deutschland oder Österreich kommen würde.
Ist dir mal was Peinliches oder Lustiges auf der Bühne passiert?
Oh, es gab auf jeden Fall einige Versprecher! Als Falco musste ich mal sagen: „Ein Album zu produzieren ist wie eine Geburt – das Aufregendste daran ist die Zeugung!“ Und ich stand da und habe überlegt: Was kommt denn jetzt zuerst – Zeugung oder Geburt? – und habe dann gesagt: „Ein Album zu produzieren ist wie eine Zeugung. Das ist ganz aufregend!“ So etwas ist dann einer der Momente, wo alle Kollegen um einen herum dich mit großen Augen anschauen … (lacht)

# Privat
Mit welchem Prominenten würdest du gerne mal auf einen Kaffee gehen?
Adam Lambert. Er ist für mich stimmlich der großartigste Sänger unserer Zeit! Ich habe ihn 2022 mit Queen in London gesehen – es war unglaublich!
Beschreibe dich selber mit drei Hashtags!
#emotional
#modebewusst
#freundlich
Wenn du jetzt in Urlaub fahren könntest, egal wohin, egal wie lange, egal was es kostet – wohin geht’s?
Hawaii! Ich schaue mit meiner Freundin immer gerne die Serie „Hawaii Five-O“ an. Diese Kombi aus Großstadt und Strand finde ich toll, und ich würde das echt gerne mal live sehen.
Ein Talent von dir, das nichts mit der Bühne zu tun hat?
Ich kann ganz gut kochen.
Was kochst du am liebsten?
Asiatisch.
Was hast du von deinem ersten selbstverdienten Geld gekauft?
Einen großen Fernseher.
Stichwort Tattoos. Wie viele hast du?
Sieben. Die letzten kamen im Februar in Kopenhagen dazu. Eigentlich wollte ich damals zwei kleine Tattoos, am Ende waren’s dann vier.
Kommen noch mehr?
Bestimmt!
Welches Ereignis hat dich in deinem Leben am meisten geprägt?
Ich glaube tatsächlich der Moment, als ich die Coverrolle des Falco bekommen habe. Nach vier Jahren Studium weiß man ja nicht so recht, ob das alles dann auch funktioniert und wie es weitergeht. Wenn man dann so einen Job bekommt, empfindet man in erster Linie große Freude und Dankbarkeit, aber dann auch sehr schnell die Angst und den Leistungsdruck dahinter – das war schon sehr intensiv.
Welche Frage wurde dir noch nie gestellt, die du aber gerne mal beantworten würdest?
Hmm … Die Frage lautet: Welchen Einfluss hättest du gerne auf das Musical-Business im deutschsprachigen Raum?
Ich finde, gerade in Amerika und London gibt es so viele berührende Musicals, und ich würde mich wirklich gerne darum kümmern, dass Shows wie „Hadestown“ oder auch „Notebook“ es auch zu uns nach Österreich oder Deutschland schaffen, wenn ich Einfluss darauf hätte. Das ist nochmal eine andere Art von Musical, die mich extrem fasziniert. Man müsste natürlich schauen, ob das Publikum das hier auch so annehmen würde, aber ich finde, man sollte sich ein bisschen mehr trauen und einmal offen für etwas Neues sein.

Ein Beitrag von Sabine Simmetsberger
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