DerKulturBlog-Talk

DerKulturblog-Talk mit der „Internationalen Wiener Ensemble-Delegation“

Im Gespräch mit David Eisinger, Kevin O’Dwyer und Jev Davis

DerKulturBlog-Talk mit v.l.n.r. David Eisinger, Kevin O’Dwyer, Jev Davis
v.l.n.r. David Eisinger, Kevin O’Dwyer, Jev Davis © Ursula Simmetsberger

3 Männer! 3 Nationen! 3 Häuser! Ein Job!

Jev Davis, David Eisinger und Kevin O’Dwyer arbeiten als Ensemble-Darsteller in Musicals an verschiedenen Wiener Theatern und berichten uns in einer XL-Ausgabe des DerKulturblog-Talks über die Freuden und Herausforderungen ihres beruflichen Alltags und warum sie gerade in Österreich ihre berufliche Heimat gefunden haben.

Stellt euch doch einfach mal kurz vor!

David Eisinger: Mein Name ist David Eisinger. Ich bin 42, komme aus den Niederlanden und bin seit gut 5 Jahren in Wien. Derzeit spiele ich in verschiedenen Produktionen an der Wiener Volksoper.

Kevin O’Dwyer: Ich bin der Kevin O’Dwyer. Ich komme aus Irland, bin 32 Jahre alt, seit 3 Jahren in Österreich und arbeite zur Zeit im Ronacher bei „Maria Theresia“ und auch bei einzelnen Produktionen in der Volksoper.

Jev Davis: Ja, und ich bin Jev Davis. Ich bin 33, ich bin, so wie mein Mann David, ebenfalls 5 Jahre hier und spiele aktuell im Raimund Theater im „Phantom der Oper“.


Warum und wann seid ihr zum Musical gekommen?

David: Als ich zum ersten Mal darüber nachgedacht habe, dass es mal mein Beruf werden könnte, da war ich ungefähr 15. Damals hat mein Lehrer in der Schule gesagt, dass es das Schönste sei, wenn man aus seinem Hobby seinen Beruf machen kann, aber dass das nicht vielen möglich wäre. Er nannte damals nur den Namen eines Mitschülers, der es seiner Meinung nach schaffen könnte, und ich war so: „Und ich? Mein Hobby ist Tanzen! Und ich könnte da doch auch meinen Beruf draus machen!“ Ich kannte damals Leute, die vom Tanzen zum Musical gekommen waren, und ich fand das so cool. So hat das damals für mich angefangen. Ich hab dann eine Ausbildung in Tilburg gemacht und stehe nun seit 2004 auf der Bühne.
Kevin: Bei mir war es eigentlich immer klar, dass ich das machen werde. Es hat mir schon als Kind Spaß gemacht, zu performen. Ich habe Tanzstunden bekommen und war an einer „Stage School“. Nach der Schule habe ich mich für eine 3-jährige Ausbildung in London beworben und bekam danach direkt meinen ersten Job bei „Mary Poppins“ in Stuttgart.
Jev: Mein erster Berührungspunkt mit Musical war, als ich mit meiner Oma eine VHS-Kassette mit „Cats“ angeschaut habe. Sie hatte mir vorher erzählt, dass darin Katzen tanzen und singen, und ich hatte echte Katzen erwartet, wie im Zirkus. Ich war SO enttäuscht! … aber dann völlig fasziniert.
Und am Ende des Tages war mir damals klar, dass ich genau DAS unbedingt einmal machen möchte. Einen Monat später hatte ich bereits meine ersten Tanzstunden. Ich habe mit Ballett angefangen, aber das war gar nicht meins. Dann ging ich Richtung Modern Dance. Auch das war nicht meins. Aber mit 17 habe ich mich für eine Musicalausbildung entschieden, und das ist bis heute das, was mir wirklich Freude macht.


Was waren eure bisherigen Karrierehighlights?

Jev: „Miss Saigon“ in Wien war wirklich mein Traumstück damals, auch wenn es leider wegen Covid nur so kurz gespielt wurde. Aber ich muss auch sagen, Raoul im „Phantom der Oper“ zu spielen war für mich ein echter Meilenstein. Und auch mit der Regisseurin Melissa King zu arbeiten, war für mich total schön. Sie geht wirklich in die Tiefe – auch für uns Ensemble-Darsteller – und gab uns immer das Gefühl, die Geschichten auf der Bühne zu bereichern.

Jev als Cover von Raoul im „Phantom der Oper“ (Raimund Theater) ©Jingyan Zhang

David: Mein Karrierehighlight bisher war der „Glöckner“. Ich habe das Stück immer schon geliebt, und als ich den Job bekommen habe, war das für mich einfach nur „WOW!“. Außerdem habe ich auch mal ein Jahr in Tokio gelebt und dort Peter Pan für Disney in einer Musical-Tanzshow gespielt. Auch das habe ich richtig geliebt, und diese Zeit in Japan hat mich auch als Mensch geprägt.  

Eines seiner Karrierehighlights: David im Ensemble vom „Glöckner von Notre Dame“ ©Deen Van Meer

Kevin: Ich bin 2018 für Irland beim Eurovision Song Contest aufgetreten und habe dort getanzt. Das war richtig cool! Wir waren damals zwei Wochen in Lissabon, und es war verrückt, vor so großem Publikum live aufzutreten und zu wissen, dass auch Millionen Fernsehzuschauer den Auftritt mitverfolgen. Das war wirklich ein einmaliges Erlebnis und hat unheimlich viel Spaß gemacht!

Kevin im Ensemble der West Side Story (Volksoper) © Marco Sommer

Ihr kommt ja aus verschiedenen Regionen Europas und seid aber alle in Wien gelandet, obwohl Deutsch nicht mal eure Muttersprache ist. Warum?

Jev: Hier gibt es für uns schlichtweg die besseren Arbeitsbedingungen, und insgesamt ist das Arbeiten hier sehr fair organisiert.
Kevin: Ich glaube auch, dass man uns und unseren Beruf hier auch viel mehr schätzt als in anderen Städten.
David: Ich bin ja damals nach Wien gezogen, weil Jev hier einen Job bekommen hat, und seither gibt es hier für uns immer genug Arbeit. Ich fühle mich wohl, und wir arbeiten beide von Wien aus sehr, sehr gut.
Jev: Das mit der Sprache war und ist natürlich nicht immer einfach, aberum hier zu arbeiten und sich hier etwas aufzubauen, muss man einfach auch Deutsch lernen – gerade, wenn man auch hierbleiben möchte, so wie wir. Ich denke, das trifft auf die meisten Darsteller zu, die aus dem Ausland nach Österreich kommen.


Kevin und David stehen in der West Side Story (Volksoper) gemeinsam auf der Bühne © Marco Sommer

Was ist für euch das Positivste an eurem Job bzw. die größte Herausforderung?

Kevin: Die größte Herausforderung ist sicherlich, dass man meist nur kurze Verträge hat und man dann wieder neue Jobs finden muss. Das kann auch schwer sein. Als ich jung war, war das schon scary, aber inzwischen belastet mich das nicht mehr so wirklich. Und andrerseits ist das ja auch was Schönes, finde ich, da es dadurch viel Abwechslung gibt und man immer wieder neue Erfahrungen macht. 
David: Ich habe sogar einmal ein Angebot über 18 Monate „Lion King“ bekommen, direkt nach einem Jahr „Mamma Mia!“. Damals habe ich mich bewusst dagegen entschieden, weil ich nach diesem intensiven Jahr gemerkt habe, dass ich mir eine neue künstlerische Herausforderung wünsche. Heute weiß ich aber auch, wie wertvoll eine gewisse Sicherheit ist, und schätze es sehr, in langfristigen Produktionen mitwirken zu dürfen.
Kevin: Im Vergleich zu London oder so ist es hier auch weniger stressig, falls wir mal ein paar Monate keinen Job finden sollten, weil wir hier auch Arbeitslosengeld bekommen würden.


Was ist eurer Meinung nach das Wichtigste, wenn man sich für einen Job im Ensemble bewirbt – gibt es da ein Erfolgsgeheimnis?

Kevin: Darüber mache ich mir gar nicht wirklich Gedanken. Ich bin einfach immer so gut wie möglich vorbereitet, gehe rein und mache alles, was sie sehen wollen und das so gut, wie ich es kann.
David: Ja, die gute Vorbereitung ist echt das Wichtigste. Nur dann strahlst du diese Sicherheit aus, und das ist das stärkste Werkzeug, um bei einem Casting zu bestehen. 
Jev: Ich würde nie ein Casting machen, ohne die Show vorher anzuschauen, und dann versuche ich eine Seite von mir zu zeigen, die zum Stil der Show passt.
David: Im Endeffekt musst du dir immer selbst treu bleiben, und zeigen, dass du DU bist, aber auch wie wandelbar du bist.


Wie ist es mit dem Konkurrenzdenken in der Branche? Denn selbst, wenn man sich gut versteht, ist man beim nächsten Casting ja vielleicht ein Konkurrent…?

Nicht nur beruflich, sondern auch privat ein starkes Team: David und Jev

Jev: Natürlich ist es Konkurrenz, und es ist manchmal schwer, das nicht persönlich zu nehmen, aber am Ende geht es selten um besser oder schlechter…
Kevin: Wir sind alle unterschiedliche Typen und sind daher nicht wirklich Konkurrenten. Es passt einfach, oder es passt eben nicht.
David: … und man kann sich immer trotzdem für einen Freund oder Kollegen freuen, auch wenn man sich mal denkt „Ach schade, das hätte ich eigentlich auch gerne gemacht.“ Und selbst, wenn es mal nicht klappt, oft ist es auch für etwas gut, weil man vielleicht gerade dann ein anderes tolles Angebot bekommt. Sowas ist mir schon öfter passiert.
Kevin: Ja, mir auch!


Ihr arbeitet teilweise parallel in mehreren Produktionen. Ist es schwierig, diesen Schalter umzulegen von einer Show zur anderen – oft innerhalb weniger Stunden? Oft sind ja die Stile völlig unterschiedlich…

Kevin: …und gerade deswegen ist es einfacher. Ich kenne Leute, die haben zwei oder drei Produktionen von „West Side Story“ parallel gemacht. Das könnte ich nicht machen. Ich glaube, das würde mich zu sehr verwirren…
David: Es ist auch ein bisschen wie Fahrradfahren. Wenn du mal ein Stück eine Weile nicht gespielt hast, dann ist man da ganz schnell wieder drin. Und wenn dann neues Material in einem anderen Stil dazukommt, dann ist es total cool, da reinzuspringen. Im Endeffekt wurden wir ja auch alle ausgebildet, um verschiedene Stile zu performen, und deshalb macht es auch so viel Spaß!

David in „Cabaret“ (Volksoper) © Marco Sommer

Hat man als Ensemble-Darsteller Mitspracherecht, wenn eine Show erarbeitet wird, oder muss man da nur „funktionieren“ und das machen, was der Choreograf oder der Regisseur will?

Jev: Das kommt tatsächlich auf das Kreativ-Team an. Bei manchen Shows können wir total viel verändern. Bei anderen Shows müssen wir nur das machen, was auf den Videos ist.
Kevin: Wenn es eine neue Produktion ist, dann hat man eigentlich immer viel mehr Freiheiten und ist viel mehr in die Entwicklung involviert.
David: Ja, bei „Maria Theresia“ war ich zum Beispiel schon beim Workshop dabei: Da konnten wir vieles gemeinsam mit dem Choreografen und Regisseur erarbeiten und hatten auch, glaube ich, einen großen Einfluss auf die Show. 


Stichwort Long Run: Mehr als 500 Mal „Phantom der Oper“, fast 150 Mal „Maria Theresia“… Wird einem da nicht irgendwann furchtbar langweilig?

Kevin: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht Tage gibt, an denen es schwieriger ist, sich zu motivieren. Wir machen das 6, 7 Mal pro Woche. Im Endeffekt ist es wie in jedem anderen Job, und das ist auch normal, denke ich.

Kevin in „Maria Theresia“ (Ronacher) © Ursula Simmetsberger

David: Es sind ja vielleicht viele Shows, aber es ist immer anders, was jeden Tag um einen rum passiert… 
Kevin: Ja, gerade hinter der Bühne, da ist es immer chaotisch! (lacht)
David: Es gibt immer andere Darsteller, andere Covers, Swings in den Shows, und auch das Publikum ist immer anders. Es ist also kein Tag wie jeder andere.

Jev: Die 500 Mal, die wir „Phantom“ gespielt haben, hatten wir, glaube ich, nur fünf oder sechs Mal die gleiche Besetzung. Es waren sonst immer Swings oder Covers drauf, und das ändert dann auch die Energie, die man als Darsteller auf der Bühne spürt.


Was würdet ihr für kein Geld auf der Bühne machen?

Kevin: Weiß ich nicht…. Kommt drauf an, wie viel Geld! (lacht) Ich sage zu nichts nein…
David: Als ich „Hair“ in Amstetten gemacht habe, standen wir beim Finale nackt auf der Bühne. Sowas hätte ich mir vorher niemals vorstellen können, aber im Stück hat das so gut gepasst, dass es kein Problem mehr für mich war. Also nichts ist unmöglich!
Jev: Ich würde niemanden töten! (lacht)
Kevin: … zumindest nicht AUF der Bühne! (lacht)


Musstet ihr für einen Job schon mal an eure Grenzen gehen? Ich denke hier zum Beispiel an diese „Vergewaltigungsszene“ in der „West Side Story“, wo ja auch zwei von euch im Cast sind. Bewegt einen das, wenn man so etwas spielen muss?

David: Am Anfang ist das schon wirklich heftig, ja. Man muss wirklich lernen, damit umzugehen und so etwas nicht an sich ranzulassen und es irgendwie wie eine Choreo zu erarbeiten.
Kevin: Jeder hat sein „Package“ – so etwas kann einen daher schon sehr berühren, und es kann auch sehr hart sein. Aber wir arbeiten an solchen Szenen in der Regel erst im Rehearsal-Room mit nur einer kleinen Gruppe, das macht es einfacher.
Jev: Es ist wichtig, während der Probezeit selbst Grenzen zu bauen und herauszufinden, was dich mit einer Figur verbindet, aber auch, wo du dich von ihr unterscheidest, und zu lernen, dass du dich nicht zu sehr in eine Rolle hineinversetzt. Das wäre sonst einfach eine zu hohe psychische Belastung.
Kevin: Ja, man muss es wirklich trennen.
David: Bei besonders intensiven Produktionen ist es wichtig, dass es ein gutes Miteinander gibt und dass man sich gegenseitig unterstützt. Zum Glück wird darauf heutzutage auch immer mehr geachtet.


Ist euch schon mal was Peinliches auf der Bühne passiert?

David: Das Erste, was mir gerade in den Sinn kommt, ist, als ich während „Mamma Mia!“ keinen Text mehr gewusst hab und einfach nur dastand. Ich stand einfach nur da, mein Kopf war leer. Erst irgendwann habe ich dann irgendetwas gesagt, das irgendwie ähnlich zum eigentlichen Text war. Das war schlimm, auch wenn es den Leuten wahrscheinlich gar nicht groß aufgefallen ist. Aber in so einem Moment fühlt sich jede Sekunde wie eine Stunde an.
Kevin: Mir ist erst letztens etwas Peinliches passiert. In „Maria Theresia“ gibt es einen Part mit einer Stuhl-Choreografie, und mir ist der Stuhl an einem Abend nicht nur einmal, sondern sogar ZWEIMAL umgekippt. Sowas ist mir vorher überhaupt noch nie passiert, und dann gleich zweimal in einer Show! Das war wirklich peinlich! Nochmal schlimmer ist, dass ich bei dieser Nummer ganz vorne stehe.
Jev: Für mich war’s bei „Rebecca“, als Annemieke (van Dam) zu spät auf die Bühne kam. Mein Deutsch war damals noch ganz schlimm, und ich musste dann mit Willemijn (Verkaik) improvisieren.
Kevin: Das ist ein Albtraum! Und das auf Deutsch!
Jev: Ich weiß nicht mehr genau, was ich alles gesagt habe, aber ich habe versucht, die Sätze von Annemieke zu sagen und sie so zu ändern, dass sie Sinn machen. Am Ende der Szene ist Willemijn von der Bühne gegangen, und ich stand alleine da und hab dann nur mehr drei oder vier Mal „Beatrice, bist du da?“ gerufen, bis Annemieke dann endlich erschienen ist.
David: Oh ja, das ist wirklich das Peinlichste, wenn man einen Auftritt verpasst… 
Kevin: … aber das ist eigentlich nicht peinlich für DICH, das ist hauptsächlich peinlich für die anderen… (lacht)
David:  Ja, das stimmt! Aber du hast ja auch eine bestimmte Verantwortung, und wenn du der nicht nachgekommen bist, dann ist das schon ur-peinlich. Aber sowas kann passieren. Es ist Live-Theater, und wir sind alle Menschen.

David arbeitet zurzeit in mehreren Produktionen der Wiener Volksoper © Marco Sommer

Wie hat sich für euch das „Musiktheater-Business“ in letzter Zeit geändert? Gerade im Kulturbereich wurde ja letztens massiv der Sparstift angesetzt….

Jev: Ja, wir spüren die Budgetkürzungen schon und erleben sie auch direkt. Gleichzeitig ist Wien seit Jahrhunderten ein Zentrum westlicher Kunst und Kultur. Während in London manche Shows halb leer spielen und ein Orchester dort oft aus 14 Musikern besteht, spielen wir hier vor vollen Häusern mit über 25 Musikern im Graben. Das ist ein enormes Privileg. Ich hoffe sehr, dass Wien dieses Niveau an Qualität und Respekt gegenüber dem Musical als Kunstform bewahren kann. Dass hier neue Produktionen wie ‘Maria Theresia’ und ‘Rock me Amadeus’ entstehen, ist auch nicht selbstverständlich und sollte nicht unterschätzt werden.
David: Man merkt natürlich, dass sich im Kulturbereich immer wieder etwas verändert und dass wirtschaftliche Rahmenbedingungen Einfluss haben. Aber insgesamt fühlen wir uns hier nach wie vor sehr gut unterstützt.
Kevin: Ich bin einfach nur dankbar, einen Job hier zu haben. Man schätzt es jetzt noch einmal umso mehr, weil es uns hier trotzdem immer noch wirklich gut geht! Gerade durch Covid hat man gemerkt, wie schnell sich alles ändern kann. Das stimmte einen schon nachdenklich…
David: Ja, damals haben wir es als Darsteller so sehr geschätzt, als wir nach der langen Pause endlich wieder arbeiten durften.


Nächstes Jahr soll ja das „Theater im Prater“ von ATG eröffnet werden. Seht ihr das als Herausforderung oder als Chance?

Kevin: Mehr Jobs, das ist eigentlich immer gut, finde ich. Gerade wenn man in Wien bleiben will und es dann ein zusätzliches Theater gibt… also ich find´s super!
Jev: Ja, es ist echt spannend, zu sehen, was da passiert.
David: Ich stehe dem Projekt auch offen gegenüber und bin auf jeden Fall echt gespannt darauf.


Welche Tipps habt ihr für junge Leute, die Musicaldarsteller werden wollen?

Alle drei: Macht es nicht! (lachen)
David: Nein, im Ernst: Es ist wirklich ein schöner Beruf, aber man muss auf jeden Fall dafür brennen!
Kevin: Ja, es ist super, aber man muss es wirklich lieben und wissen, dass es auch nicht immer einfach ist.
Aber das Schöne am Theater ist für mich auch, dass ich auf der Bühne für drei Stunden alles Andere vergessen kann, weil ich mich dann auf die Show konzentriere. Das finde ich richtig gut!
Jev: Man muss sich bewusst sein, dass der Beruf viel Zeit in Anspruch nimmt und dass man manchmal andere Prioritäten setzen muss. Aber wenn man es wirklich liebt, findet man seinen eigenen Weg, Beruf und Privatleben in Balance zu halten.
Kevin: Es ist auch nicht einfach, Freundschaften außerhalb der Branche zu haben und zu knüpfen, weil wir einen ganz anderen Lebensrhythmus haben. Das kann schon auch richtig schwer sein.
David: Dann merkt man aber auch, wie wertvoll die Freunde sind, die das alles auch verstehen. Und es ist dann auch richtig schön, wenn man sich dann vielleicht seltener sieht, aber dann diese Treffen umso intensiver sind. 


Würdet ihr trotzdem euren Beruf nochmal ergreifen?

Alle drei: JA!! 


Irgendwann kommt ja der Tag, an dem man nicht mehr auf der Bühne stehen kann oder will. Habt ihr schon irgendwelche Pläne für die Zeit danach? 

Jev: Ich habe hier noch einige künstlerische Ziele, die ich bewusst verfolgen möchte. Aber irgendwann werde ich auf den Bauernhof zurückkehren, auf dem ich aufgewachsen bin, und dort als Bauer arbeiten und das weiterführen, was Generationen vor mir aufgebaut haben.
David: … und ich komm mit! Und da freu ich mich auch drauf!
Kevin: Ich hab eigentlich noch keine Ahnung. Aber ich bin happy da, wo ich jetzt bin, und ich hab ja hoffentlich noch etwas Zeit und hoffe, dass ich noch einige Jahre auf der Bühne stehen kann.  

.l.n.r. David Eisinger, Kevin O’Dwyer, Jev Davis © Ursula Simmetsberger
.l.n.r. David Eisinger, Kevin O’Dwyer, Jev Davis © Ursula Simmetsberger

# privat

Frühaufsteher oder Morgenmuffel?

David: Ich bin eigentlich ein Frühaufsteher.
Jev: Ich auch! Ich stehe meist so zwischen halb 8 und halb 9 auf, ich finde, das ist nicht so schlecht!
Kevin: Durch den Job schlafe ich schon länger. Ich komme immer erst nach 11 nach Hause, muss dann erstmal was essen und gehe dann spät ins Bett. Darum stehe ich dann auch etwas später auf. Aber ich bleibe nicht den ganzen Tag im Bett oder so.

Was war das erste Musical, das ihr gesehen habt?

David: Für mich war’s „Rent“. Wobei ich damals in dieser Zeit auch „Elisabeth“ gesehen habe… aber ich glaube, es war „Rent“.
Kevin: Entweder „Billy Elliot“ oder „Wicked“. Eines von den beiden. Ich weiß es nicht mehr genau.
Jev: „Die Schöne und das Biest“. Und danach „Cats“.

Was war das größte Abenteuer eures Lebens?

David: Das Leben allgemein! Ich habe in Holland angefangen, war dann in Deutschland, Japan, Österreich, Schweiz… So viele Leute, die in meinem Heimatort aufgewachsen sind, sind immer dortgeblieben, aber ich habe so viel gesehen und erlebt und so viele unterschiedliche Menschen kennengelernt. Das finde ich schon richtig toll, dass ich dieses Leben leben darf.
Jev: Ich habe zweimal für eineinhalb Jahre auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet, und wenn ich da dazwischen keinen Job hatte, bin ich immer irgendwo gestrandet. Einmal bin ich in Australien gelandet, einmal in Deutschland… Das war für mich schon sehr abenteuerlich, weil ich damals auch keine Ahnung hatte, was ich dort machen werde…
Kevin: Mein erster Job war auch in Deutschland. Ich konnte kein Wort Deutsch. Ich hatte keine Erfahrung. Ich war Swing, hatte nie Swing gemacht. Das alles in einem fremden Land. Alles war neu. Das alles war schon richtig hart. Aber wenn ich das damals nicht durchgezogen hätte, würde ich heute nicht da sein, wo ich jetzt bin, und mein Leben wäre völlig anders verlaufen…

Beschreibt euch mal selber mit drei Hashtags!

David: #We #Are #Musical (lacht)
Kevin: Hmm… das ist echt schwer… Ich kann das nicht… ich mag es nicht so, mich selber zu analysieren…
David:  Soll ich dir Hashtags machen?
Kevin: Oh nein! Dann sind wir danach vielleicht nicht mehr befreundet! (lacht)

Was könnt ihr so gar nicht?

Kevin: Hashtags machen – offensichtlich! (lacht)
Jev: Ich kann überhaupt nicht lügen. Ich lüge zwar jeden Tag auf der Bühne, aber im echten Leben kann ich das gar nicht. 
Kevin: Ich glaube, ich könnte auf Dauer nichts machen, was mir keinen Spaß macht oder wo bleiben, wo ich nicht happy bin. Und ich könnte kein Arzt sein und OPs machen – mit dem Blut und so…  Sonst würde ich aber alles immer zumindest versuchen und dabei immer mein Bestes geben.
David: Ich bin eigentlich auch offen für alles und würde auch alles zumindest mal ausprobieren, um überhaupt mal beurteilen zu können, was ich dann letztendlich gar nicht kann. (lacht) 

Worauf seid ihr besonders stolz?

Kevin: Ich bin eigentlich schon sehr stolz darauf, dass ich heute hier in Wien leben und arbeiten kann. Ich habe Deutsch gelernt und es geschafft, mir hier ein Leben aufzubauen! Das war oft nicht einfach, aber wenn ich zurückschau… Ja, da bin ich schon stolz auf mich!
David: Für mich ist es auch ähnlich. Das, was Jev und ich in den letzten Jahren hier erreicht haben, darauf bin ich auch stolz. Nochmal umso mehr, weil wir zu zweit sind. Das ist schon etwas Besonderes, an einem Ort als Künstler gemeinsam leben und arbeiten zu können.
Jev: Ich habe 2017 auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet, und dort hat mir eine deutsche Sängerin gesagt, dass die VBW der beste Arbeitgeber der Branche in Europa ist. Ich habe damals auf meinen 5-Jahresplan geschrieben, dass ich mal für die VBW arbeiten möchte, und das habe ich tatsächlich geschafft. Mittlerweile bin ich seit fünf Jahren im Raimund Theater und ich bin stolz, dass ich mir diesen Platz dort über mehrere Jahre erarbeiten konnte. Das ist nicht selbstverständlich und an anderen Orten wie London gar nicht vorstellbar.
Wien ist gut zu uns, und wir sind glücklich, hier in Österreich zu sein!

Das Interview führte Sabine Simmetsberger

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