Haar bei Mรผnchen, 18.01.2024 – Premiere im Kleinen Theater Haar

Geschichten und Geschichte aus dem Hungerhaus

Das schreibt DerKultur.blog
Es ist soweit, nach 2 Jahren Vorbereitungszeit hat nun das Musical Villa Haar das Licht der Welt erblickt.
Wie laufen Premieren so ab? Volles Haus, man trifft sich am Roten Teppich, fotografiert A-Z Promis, bedient sich am Buffet, schaut sich ein lustiges, beschwingtes Stรผck an, feiert danach noch eine „wilde“ Aftershow Party und fรคhrt mehr oder weniger glรผcklich nach Hause. Wenn es ganz schlecht lรคuft hat man das Stรผck auch nach ein paar Wochen wieder vergessen.


Villa Haar – Das Musical
Bei diesem Musical ist es anderes. Man macht sich schon im Vorfeld Gedanken: will man ein Stรผck รผber das Grauen in der Psychiatrie der NS-Diktatur eigentlich sehen, kann man so ein Stรผck Erinnerungskultur nochmal „lebendig“ machen oder muss man es in der heutigen Zeit sogar und geht sowas in einem Musical Format?
Eins steht fest, es erfordert sehr viel MUT so ein Stรผck Erinnerungskultur auf die Bรผhne zu bringen. Aber dem Ideengeber und Leiter des Hauses Matthias Riedel-Rรผppel war es ein persรถnliches Anliegen, diese Geschichte unter der Regie von Christian Peter Hauser, mit dem Komponisten Thomas Erich Killinger, Co-Regie Lukas Gerber und Choreografie Jochen Streicher umzusetzen.


Warum ausgerechnet im Kleinen Theater Haar?
Geschichte muss an dem Ort erzรคhlt werden, an dem sie geschehen ist. Am 18.01.1940 begannen hier auf dem Gelรคnde die ersten Deportationen. Der Premierentag ist also bewusst auf den 18. Januar gelegt.
„Beim Blick aus meinem Bรผrofenster schaut man auf eines der Kinderhรคuser, etwas weiter rechts steht das โHungerhaus fรผr Mรคnner‘. Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, wie man diesen Teil der Haarer Geschichte so aufarbeiten kann, dass sie auf breites Interesse stรถรt. Die Idee eines Musicals war geboren.“ so Matthias Riedel-Rรผppel. „Mit „Villa Haar“ wollen wir erinnern, mahnen und den Opfern des Geschehens ein Denkmal setzen, an dem Ort des Geschehens in einer zeitgemรครen Form.“



Nun aber zum Stรผck.
Emma, eine der รผberlebenden Kinder, spricht als Seniorin unter Hypnose auf der Nebenbรผhne รผber ihre Erinnerungen in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Haar und wir sehen auf der Hauptbรผhne ihre persรถnliche Geschichte.


Es wirkt anfangs etwas verstรถrend, man wird Zuschauer einer NS-Psychiatrie und wird mit Hakenkreuzen, originalgetreuen Uniformen der Kriegszeit und „dem wording“ der NS Zeit, wie man heute sagen wรผrde, erdrรผckt. Es geht um Euthanasie, den Krankenmorden in der Zeit des Nationalsozialismus, es geht um „kranke“ Kinder, denen man so lange nichts zum Essen gibt, deshalb Hungerhaus, bis sie sterben und ihre „verseuchten“ Gene nicht mehr weitertragen kรถnnen.







Die Geschichte ist bedrรผckend, aber die Cast die hier auf der Bรผhne steht, hat dies sowas von nah auf die Bรผhne gebracht, dass es einem schon fast Angst macht. Vor allem die „Kinder“, allen voran Larissa-Mariell Hoffmann als Ursula, haben ihre Rollen perfekt inszeniert.





Es war eine schauspielerische Meisterleitung was hier geboten wurde. Und da es sich ja um ein Musical handelt darf auch dies nicht unerwรคhnt bleiben: Die Musikstรผcke haben sich perfekt eingepasst, ohne zu sehr von der Geschichte abzulenken. RESPEKT! fรผr diese Leistung. Unser Highlight ist die gesungene Szene „Das Urteil“ der Nรผrnberger Prozesse – ganz groรes Kino.


Das Einzige was mir, und auch einigen Gรคsten, nicht ganz so gefallen hat, waren die grotesken Auftritte der „4 Wahnsinnigen“, die zwar geschichtlich belegt sind aber hier zu viel Raum bekommen haben und das Musical etwas ins Alberne ziehen. Lieber weniger lรผsternde Momente mit Krankenschwester Marie und weniger Tanzeinlagen.




Es ist auf jeden Fall ein Stรผck, das man sicher nicht so schnell vergisst. Es regt zum Nachdenken an. Vermutlich sehen das Stรผck jedoch nicht diejenigen, die sich beim nรคchsten Gang zur Wahlurne die Frage stellen sollten, ob sie wirklich weiter rechts ein Kreuz als Alternative machen.



Story
Als Emma von Blumberg 2018 mit 88 Jahren Dr. Sarah Wรผlfing trifft, ahnen beide noch nicht, dass sie schicksalhaft seit 1943 miteinander verbunden sind.
Dr. Wรผlfing mit ihren 51 Jahren kennt das Sterben in den ehemaligen Hungerhรคusern der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Haar unter Leitung des รคrztlichen Direktors Dr. Hermann Pfanngiesser nur schemenhaft aus Erzรคhlungen.

Emma allerdings erinnert sich traumatisch an diese Zeiten, den Tod ihrer kleinen Freunde, die bizarren, grotesken Taten jener โ4 Wahnsinnigen“, vier Pfleger, die sich unter Anleitung der verantwortlichen Krankenschwester Marie Gwandl dem Regime anbiederten, aber auch an den Beginn ihrer groรen Liebe zu ihrem spรคteren Ehemann Falk von Blumberg und ihr gemeinsames รberleben.


Die tรถdlichen Verblendungen jener Zeit spiegeln und dokumentieren sich auch in den Aktionen und dem Ansinnen von Generalfeldmarschall der Wehrmacht Werner von Blumberg, dem Vater von Falk und Generalleutnant der Luftwaffe Theodor von Harmsdorf, dem Vater von Emma. Diese beiden Vรคter stehen zusammen mit Dr. Hermann Pfanngiesser stellvertretend verantwortlich fรผr die Machenschaften des Dritten Reichs und ganz private, familiรคre Korruption und Denunzierung. Dass der Wahnsinn auch komische Momente produziert, ist keine neue Erkenntnis, und so bleibt einem das Lachen fรถrmlich im Halse stecken; eine wichtige Ingredienz des verarbeitenden Erinnerns, die es mรถglich macht, die dramatischen Realitรคten jener Zeit in der VILLA HAAR als Musical zu erleben.




Tickets bekommt ihr hier – Spielzeit bis 14.04.2024
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