Schwache Inszenierung mit guter Besetzung
Die Schlossfestspiele Ettlingen zeigen in dieser Saison „West Side Story“ in einer Inszenierung von Solvejg Bauer, die aktuell auch noch als Intendantin der Schlossfestspiele agiert.
Der Musical-Klassiker mit der Musik von Leonard Bernstein, dem Buch von Arthur Laurents und den originalen Liedtexten von Stephen Sondheim wird hier in deutscher Sprache mit der รbersetzung von Frank Thannhรคuser und Nico Rabenald zur Auffรผhrung gebracht.
Dasย Badischeย Kammerorchester steuert die bekannten Melodien des Stรผckes auch in praller Sonne live und groรartigย bei.
Das Bรผhnenbild im Hof des Barockschlosses besteht aus einem Gerรผst, das durch ein paar einfache Kulissenteile ergรคnzt wird. Es erzeugt leider immer wieder laute Gerรคusche โ beispielsweise, wenn auf den Leitern gespielt wird, und vor allem beim Zuknallen der Klappen. Dadurch รผbertรถnt es hin und wieder den Klang der Musik.

Die Kostรผme sind teilweise sehr unpassend. Das weibliche Mitglied der Jets, Graziella beispielsweise, ist stark geschminkt und nur mit einem BH und einem sehr kurzen Hemdchen darรผber bekleidet. Das macht schon alleine den Konflikt mit Anybodys hinfรคllig, da diese ja gerade aufgrund ihrer Weiblichkeit nicht in die Gang aufgenommen wird.
Ebenso verwirrend ist die Besetzung von Gino, fรผr den eine junge Darstellerin gecastet wurde, um mit geschminktem Bart eine Hosenrolle zu spielen. In dieser Produktion durfte sie als Gino im zweiten Akt „Somewhere“ singen, was zu einem besonderen Moment in dem Stรผck wird.
Aber apropos Hosen: Maria trรคgt unter ihrem weiรen Ballkleidchen eine lange Hose, wรคhrend die Kolleginnen im Kleid tanzen dรผrfen.
Bei der Umsetzung des Stรผckes fehlte es leider etwas an Verstรคndnis fรผr die Charaktere. Tony tritt von Anfang an als aggressiver Typ auf, der erst kurz vor dem Kampf im zweiten Akt zur Vernunft kommt und diesen stoppen will. Kรถnnte man aufgrund von Fummeleien zu Beginn noch meinen, er hรคtte Augen fรผr seinen Gang-Kollegen, verliebt er sich dann bei einem wild durcheinander choreographierten Ball in Maria. Es beginnen gefรผhlvolle Balladen, bei denen man jedoch merkt, dass sie nicht in der Wohlfรผhlzone des Hauptdarstellers liegen. Anders ist das bei Maria, alias Paulina Rodriguez Busquets: Sie darf zwar in ihrer Stimmlage singen, ist ansonsten aber aufgrund ihrer gebrochenen Aussprache eher schwer zu verstehen.
Denis Riffel als Tony gibt schauspielerisch und gesanglich sein Bestes, darf sein eigentliches Talent aber nicht voll ausschรถpfen.


Copyright Michael Bode
Herausstechend in der Produktion sind Manar Elsayed als Anita und Teodor Pop als Bernardo. Beide รผberzeugen mit sehr gutem, emotionalem Spiel und Gesang.
Das Ensemble ist einzeln betrachtet gut, tรคnzerisch fรคllt vor allem Sven Thimsen als A-Rab positiv auf. Die gemeinsamen Choreographien sind allerdings sehr auf die Mitte der schmalen Bรผhne gepresst, sodass die Darsteller bei jedem Tanzschritt aufpassen mรผssen, das Gegenรผber nicht zu treten.

Ein Highlight der Produktion ist das bekannte Lied „America“, das durch seine Inszenierung zum Hรถhepunkt des ersten Aktes wird. In der zweiten Hรคlfte folgt dann die komรถdiantisch und gut in Szene gesetzte sowie groรartig von allen Akteuren gespielte Nummer „Gee, Officer Krupke“.
Das Publikum, bestehend aus รผberwiegend Seniorinnen und Senioren, hat den hitzigen Nachmittag und vor allem das starke Durchhalten von Cast und Orchester bei รผber 36 Grad in praller Sonne mit viel Applaus belohnt.
Eine Inszenierung, bei der man in der Vorbereitung gerne mehr Aufmerksamkeit auf die Figuren hรคtte legen dรผrfen. Die gute Cast konnte zusammen mit dem tollen Orchester noch einiges retten.

Ein groรes Kompliment an das Team der Schlossfestspiele fรผr den groรartigen Umgang mit dem Publikum am heutigen Tag: Kostenfreie Fรคcher, Umplatzierungen in den Schatten und weitere Hilfestellungen โ Kundenservice vom Feinsten!
Fotos Schlussapplaus







Tobias Berger
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