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Backstage mit Andrea Luca Cotti

TEIL 2: Showalltag und Bühnenhelden

Andrea Luca Cotti arbeitet als Cover-Darsteller, Swing und als Dance Captain Assistant im Musical „Maria Theresia“.
Er gewährte uns bereits hier einen kleinen Einblick in die Aufgaben als Dance Captain in der Probenphase einer neuen Produktion. Heute erfahren wir alles über seinen Job im laufenden Betrieb und über die wahren Helden der Show. Die Swings. 


Andrea, du und „dein“ 1. Dance Captain Jessica Lapp habt ja nicht nur während der Proben einiges zu tun, sondern auch, wenn die Show bereits läuft. Wie sieht zurzeit ein typischer Arbeitstag für dich in dieser Position aus?

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Die Dance Captains bestimmen welcher Swing welche Position im Ensemble übernimmt. Hier waren mehrere
im Einsatz. © Sabine Gaida

Wenn wir eine Abendshow haben, ist um 13 Uhr Call-Time.
Das heißt: Bis dahin müssen sich die Leute krank- oder aus dem Urlaub zurückmelden oder uns informieren, wenn sonst etwas wäre. Ich hole dann diese Infos ein und gebe in der Folge dem Betriebsbüro Bescheid, welcher Swing für welche Position eingesetzt wird.
Falls wir zu wenig Leute für alle Ensemblerollen haben, muss ich eine sogenannte Cut-Show schreiben: Das ist eine Version der Show, bei der Swings mehrere Rollen übernehmen, damit überhaupt gespielt werden kann.


Das ist bei „Maria Theresia“ oft gar nicht so einfach, und wir müssen da wirklich flexibel sein.
Eigentlich machen Jessi und ich zwar schon immer für das ganze Monat im Voraus einen Plan, in dem wir für alle geplanten Abwesenheiten die Swings einteilen, aber der verändert sich natürlich dauernd, weil Krankenstände nicht planbar sind und es auch mal sein kann, dass jemand noch kurzfristig Urlaub einreicht. Darum müssen wir immer unsere Planungen tagesaktuell anpassen. 
Ich führe außerdem eine Liste, damit ich immer im Blick habe, wer von den Swings welche Positionen bereits gespielt hat: Wir schauen, dass sie möglichst regelmäßig verschiedene Tracks übernehmen, um Routine aufzubauen und das Niveau der Show zu halten.

Dance Captain Jessica Lapp 
© Sabine Gaida
Dance Captain Jessica Lapp © Sabine Gaida


Gegen 18 Uhr komme ich dann in der Regel ins Theater. Dort geben Jessi oder ich abwechselnd eine Stunde vor Vorstellungsbeginn ein Physical Warm-up, also ein 15-minütiges Aufwärmen, das für das Ensemble übrigens verpflichtend ist.
Danach nutze ich die Zeit, um Notes zu verteilen – das sind Hinweise und Korrekturen aus den vergangenen Vorstellungen – bevor wir uns dann für die Show fertig machen. Entweder spiele ich dann selbst, bin backstage oder schaue zu, um Korrekturen mitzuschreiben. 


Wenn ich nicht selbst auf der Bühne war, schreibe ich abends noch einen Showbericht. Darin halten Dance Captain, Abendspielleitung, Dirigent und technische Leitung jeden Abend fest, was in der jeweiligen Vorstellung besonders gut gelaufen ist – aber auch, wenn etwas nicht funktioniert hat.

Beim täglichen Warm-Up! © Andrea Luca Cotti
Beim täglichen Warm-Up! © Andrea Luca Cotti

Wie teilen sich die Aufgaben zwischen euch Dance Captains und der Abendspielleitung auf?
Grundsätzlich ist es so: Der Fritz übernimmt die Notes und Korrekturen für alle Rollen und alles, was das Schauspielerische betrifft, und wir Dance Captains sind fürs Ensemble und Choreos zuständig. Bei uns gibt es auch ein bisschen Cross Over, weil ja auch einige Ensemble-Darsteller kleine Rollen in der Show übernehmen bzw. wir dann auch mit den Hauptdarstellern arbeiten, wenn es um Choreografien geht.

noch schnell ein Spiegel-Selfie bevor es auf die Bühne geht.. ©A.Cotti
…noch schnell ein Spiegel-Selfie bevor es auf die Bühne geht.. ©A.Cotti


Wie schaffst du es, die Leute auch in stressigen Zeiten voller Proben oder Doppelshows zu motivieren?
Ich glaube, der Schlüssel liegt darin, den Leuten auf einer Ebene und wertschätzend zu begegnen.
Nehmen wir ein Beispiel: Wenn eine Person an einer bestimmten Stelle im Stück nicht motiviert ist, dann würde ich ihr sagen: „Hey, du bist da wirklich unglaublich gefeatured, man schaut da genau auf dich, das ist dein moment to shine – gib ein bisschen mehr!“ Ich glaube, dass das viel mehr bringt, als ob ich sie nur kritisieren würde. 
Das mache ich übrigens auch, wenn ich zum Beispiel Notes verteile: Auch dabei versuche ich, jede Korrektur auch mit etwas Positivem zu verbinden.

Bevor du deinen Dance Captain-Posten angetreten hast, warst du ja in den letzten Produktionen immer wieder auch als Swing tätig. Warum hast du dich immer für diese Position beworben – magst du die Abwechslung?
Ja! Wenn man jede Woche 6 bis 8 Shows spielt und man immer nur denselben Track hat, dann wird mir das sonst zu eintönig. Ich habe dann auch das Gefühl, dass mir auch mit der Zeit die Kreativität verloren geht.
Aber es gibt auch Leute, die lieben genau das Gegenteil und haben kein Problem damit, nur eine Rolle zu spielen und sind superhappy damit.


Andrea: „Hut ab vor dem, was die Swings in MT leisten müssen.“
Dem können wir uns nur anschließen!! Ihr seid die Helden der Show!
v. l. n. r. Andrea Luca Co', Dance Captain Jessica Lapp, Stefan Mosonyi, Kevin Reichmann, Anna Zagler, Florian
Heinke, Sophie Aigner und Anna Bauer (Nicht am Bild: David Eisinger stieß Ende April zum Team) ©A. Cotti
Andrea: „Hut ab vor dem, was die Swings in MT leisten müssen.“
Dem können wir uns nur anschließen!! Ihr seid die Helden der Show!
v. l. n. r. Andrea Luca Cotti, Dance Captain Jessica Lapp, Stefan Mosonyi, Kevin Reichmann, Anna Zagler, Florian
Heinke, Sophie Aigner und Anna Bauer (Nicht am Bild: David Eisinger stieß Ende April zum Team) ©A. Cotti

Wie würdest du den Swing-Job jemanden beschreiben, der nicht weiß, was das ist?
Ich sag immer: „Ein Swing ist ein Einspringer!“, aber das klingt irgendwie so negativ. Aber im Endeffekt sind wir Einspringer für die Leute, die krank oder im Urlaub sind, und wir übernehmen dann deren Ensemble-Position. Bei „Maria Theresia“ sind das bei den Frauen 8 bis 9 und bei den Männern 10 bis 11 verschiedene Ensemble-Tracks. Das heißt im Endeffekt, dass wir Swings alle diese Positionen erlernen müssen, um für die Darsteller in der Show einspringen zu können.

Apropos Einspringen: In eurer ersten Preview hat sich ja Aday, einer deiner Kollegen, am Ende des ersten Akts verletzt und du musstest bereits bei eurer ersten Vorstellung vor Publikum spontan mitten in der Show eine Rolle übernehmen. Was ist dir damals durch den Kopf gegangen?

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Andrea (ganz rechts) beim „Heiratsroulette“ © DeenVanMeer

HERZINFARKT!!!! (lacht)
Ja, das war schon eine Herausforderung, und im Grunde war ich völlig unvorbereitet. Während der Probenzeit haben wir Swings erstmal 2-3 Prioritäten, damit wir uns nicht gleich auf alle Tracks konzentrieren müssen. Zu einer meiner Prioritäten gehörte eben auch Aday, jedoch hatte ich durch meine Aufgaben als Dance Captain bis dahin noch gar nicht wirklich Zeit gehabt, mich auf ihn zu fokussieren. Während dieser Show saß ich also im Publikumsraum, um Notes zu schreiben und dachte so bei mir, dass ich jetzt einfach mal schaue, was der Aday im „Krieg“ macht und bemerkte, dass er gar nicht dort war, wo er eigentlich gerade hätte sein sollen. Er war ganz einfach nicht da! Ich bin dann backstage, um zu sehen, was passiert ist und… ja… er hatte sich tatsächlich verletzt und mir war klar: Egal, ob ich es kann oder nicht – ich werde jetzt für ihn einspringen müssen. Das war zwar in dem Moment sehr stressig, aber es hat irgendwie funktioniert. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich das geschafft habe, aber ich muss auch sagen: Die ganze Cast war in dem Moment sehr hilfreich und hat mich so gut es ging in dieser Situation unterstützt.


Ihr Swings arbeitet ja mit einer sogenannten Swing-Bibel, die von den Dance Captains geschrieben wird. Wie kann man sich das vorstellen?

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Swing-Power! ©Sabine Gaida

Wir verwenden dazu eine spezielle App namens „Stage Write“. Jede Position hat einen kleinen Punkt, wo die Initialen draufstehen, und man kann diese Punkte beliebig auf dem Bühnenplan verteilen, und die Personen herumschieben. Wir können Pfeile einzeichnen, wo es lang geht, wir können auch Texte dazu schreiben, um alles, was auf der Bühne passieren soll, genau zu beschreiben. Und davon macht man eben immer wieder neue Seiten, um die Show abzudecken.

Aber wenn man ein Swing ist, ist es doch auch trotzdem schwierig, einzelne Rollen abzurufen, gerade wenn man sie vielleicht mehrere Wochen nicht gespielt hat?
Das, was ich eben beschrieben habe, ist unsere Produktions-Bibel. Jeder Swing hat zusätzlich seine eigenen Methoden, um sich alles zu merken. Ich zum Beispiel muss mir jeden Track handschriftlich rausschreiben, aber meistens schaue ich mir diese Notizen nachher gar nicht mehr an, weil ich mir damit alles merken kann. Ich sehe mir aber vor jeder Show Videos an, gerade, wenn ich mir mal unsicher bin, was die einzelnen Positionen betrifft.
Andere müssen zum Beispiel die Wege für sich auf der Bühne abgehen, um sich alles zu merken. So hat jeder ein eigenes System und arbeitet ein bisschen anders.

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Ein Foto – sechs Swings! Sie genießen ihren verdienten Schlussapplaus! © Ursula Simmetsberger

Ich würde ja sagen: Die Swings sind die Helden der Show. Würdest du das unterschreiben?
Auf jeden Fall!! Wobei es so viele Menschen gibt, die jeden Abend daran beteiligt sind, die Show auf die Beine zu stellen, und jeder von ihnen ist wichtig! Aber was wir von den Swings abverlangen, das ist schon oft wirklich heftig. Also: Hut ab vor dem, was unsere Swings in „Maria Theresia“ leisten müssen.


Im nächsten Teil unserer Serie wird Andrea uns noch über seine Position als Cover berichten und uns auch sonst einige berufliche und private Einblicke in sein Leben geben.  

Autor: Sabine Simmetsberger

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