Corona-Gedanken von Stephan Jaeckel – Director Communications Stage Entertainment
Freitag, der 13. Mรคrz 2020. Kein guter Tag fรผr unsere Company. Alle Eisernen Vorhรคnge unserer neun groรen Theater in Deutschland fahren runter โ und seither herrscht gรคhnende Leere in unseren Hรคusern. Ein ziemlich absurder Zustand. Ich stimme Ulli Waller, dem Direktor des St. Pauli Theaters in Hamburg, der neulich in einem Interview sagte โCorona ist scheiรe!โ, aus vollem Herzen zu!

Aber: nรผtzt ja alles nichts โ irgendwie ist schlieรlich jeder von dieser Situation betroffen, und auch wir mรผssen uns damit arrangieren. Bei Stage haben wir zur Sicherstellung des Fortbestands unserer Company sehr schnell wichtige Weichen gestellt. Seither sind wir jeden Tag damit beschรคftigt, uns den Gegebenheiten nicht nur anzupassen, sondern sie mit zu gestalten: Kompletter Ausgabenstopp, wo immer mรถglich. Aufgestocktes Kurzarbeitergeld und regelmรครige Updates fรผr alle Kolleginnen und Kollegen, die derzeit nicht arbeiten kรถnnen, aber natรผrlich dennoch informiert und engagiert bleiben sollen. Das Gerรผst eines neuen Spielplans gestalten, ohne genau zu wissen, wann die Behรถrden unseren Spielbetrieb wieder gestatten. Die Kreativitรคt unserer Darsteller und Mitarbeiter in Sozialen Medien platzieren. Den Dialog mit den von den Show-Ausfรคllen betroffenen Gรคsten fรผhren. Prรผfen, ob รถffentliche Fรถrdermittel fรผr uns in Frage kรคmen.

TV-Anfragen vom Tenor โDas Drama leerer Theaterโ hinlenken zu โTheatermitarbeiter zeigen die Relevanz ihrer Kunstโ. Im Teamwork ein 80seitiges Hygiene- und Maรnahmenkonzept erstellen, als Diskussionsgrundlage fรผr die Gesprรคche mit den Behรถrden. Darรผber staunen, dass bei einer WICKED oder TINA Audition in unseren Hamburger Studios die per Zoom zugeschalteten auslรคndischen Kreativen trotz der Distanz zu den gleichen Einschรคtzungen kommen wie unser Casting-Team, das die Kรผnstler in einer Art Stonehenge-Halbkreis mit groรen Abstรคnden live beobachtet. Einen kritischen Innenblick aus Anlass der BlackLivesMatter Bewegung starten โ dies bleibt selbstverstรคndlich gรคnzlich Corona-unabhรคngige permanente und wichtige Aufgabe.
Fรผr mich was Neues: TV-Interviews per Facetime geben. Und weiter gehtยดs: Nicht die Geduld verlieren, weil fast alle anderen Branchen wieder starten dรผrfen und wir in jedem Bundesland mit unterschiedlichen Einschรคtzungen immer noch vergeblich auf verbindliche Signale warten. Sich darรผber รคrgern, dass wir die wunderbare Neuigkeit des Lizenzerwerbs von HAMILTON fรผr Deutschland noch nicht voll auskosten kรถnnen, weil unsere potenziellen Gรคste mental noch nicht wieder bei Theaterbesuchen sind. Sich darรผber freuen, schrittweise wieder die eine oder den anderen Kollegen live und in Farbe in unseren weitlรคufigen Bรผros in der Hamburger Speicherstadt zu sehen. Sich gefรผhlt jede zweite Woche an eine andere Oberflรคche fรผr digitale Kommunikation gewรถhnen. Aber auch voller Elan auf den Startknopf fรผr neue Online-Formate drรผcken. Kurz: Corona lehrt Demut, Geduld und Flexibilitรคt. Aber auch, dass Abstand und fehlende Begegnungen im echten Leben zutiefst gegen die menschliche Natur sind.
Wie also mag das Live Entertainment 2021 aussehen?
Dabei zeigt mir der wรถchentliche Austausch mit meinen Kollegen in Amsterdam, Madrid, Paris, Mailand und London, dass es die Menschen in diesen Lรคndern noch viel hรคrter getroffen hat โ komplette Ausgangssperren wochenlang, gรคhnende Leere rund um alle Theater-Distrikte. Und nirgends steht Stand heute fest, wann und unter welchen Bedingungen Theater wieder รถffnen dรผrfen.
Die ersten pfiffigen Konzepte haben wir alle mitbekommen: Open Air Auftritte mit kleinen Live Bands vor Autokino-Publikum.
Live Streams aus publikumsleeren Theatern, mit nur wenigen Akteuren, die sich freilich beste Mรผhe geben, ihr Publikum zu unterhalten. Unzรคhlige Wohnzimmer-Konzerte in Sozialen Medien โ schon jetzt fรผhlt sich das bei aller Kreativitรคt etwas abgenutzt und leidlich langweilig an. Ich bin daher fest รผberzeugt: รsthetisch und wirtschaftlich fรผhrt โ zumindest in unserem Genre – kein Weg an einem gefรผllten Theater mit voller Bรผhne und vollem Orchester vorbei. Das gerรคumigere Verteilen der Gรคste und erhรถhte Hygienemaรnahmen: Daran haben sich die Menschen in den letzten Wochen schrittweise gewรถhnt; das kann also das โnew normalโ werden, und hier haben wir auch schon etliche Ideen, wie man diese kleineren Einschrรคnkungen unterhaltsam nahebringen kann. Auf der Bรผhne hingegen kann ich mir Musicals ohne groรe Ensemble-Nummern, intime Duette und Dialogszenen oder Live Orchester einfach nicht vorstellen.
Wenn es also einen Corona-Gott gibt, bitte ich ihn instรคndig, dass sich meine Hoffnung bewahrheiten mรถge!
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